Europäischer Freiwilligendienst (EFD)

Sara aus Spanien bei unserem Familienfest in Aktion
Dieses Projekt wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.

Mit dem Europäischen Freiwilligendienst können sich junge Leute, zwischen 18 und 30 Jahren, als Freiwillige für eine Dauer von sechs bis zwölf Monaten in einem gemeinnützigen Projekt im Ausland engagieren. 

Geboten wird die Möglichkeit, ein anderes Land, eine andere Kultur und eine andere Sprache intensiv kennen zu lernen. Nicht als Arbeitnehmer/in oder Zivildienstleistende/r, nicht als professionelle/r Erzieher/in oder Betreuer/in, sondern als Freiwillige/r auf Taschengeldbasis und auf begrenzte Zeit.

Entsendeorganisation Droste-Haus

Seit 1997 ist das Jugendaustauschwerk im Kreis Gütersloh e.V. (Droste-Haus) anerkannte Entsende- und Aufnahmeorganisation des Europäischen Freiwilligendienstes und entsendet Freiwillige aus dem Kreis Gütersloh und Nachbargemeinden nach ganz Europa. 

Seit 2012 finden auch die Ausreiseseminare, die die Freiwilligen und die Bewerber auf ihren Freiwilligendienst in einem anderen europäischen Land vorbereiten, im Droste-Haus statt. Im Droste-Haus finden auch regelmäßig Beratungsgespräche und Seminare zum Thema „Auslandsaufenthalte“ statt. 

Bewerbung

Als Entsendeorganisation im Kreis Gütersloh e.V. entsenden wir ausschließlich Freiwillige aus dem Kreis Gütersloh und den Nachbargemeinden. Wer nicht hier wohnt, kann auf dem European Youth Portal regional tätige Entsendeorganisationen finden.

Zu einer Bewerbung im Droste-Haus als Entsendeorganisation gehören Lebenslauf, Motivationsschreiben und alle relevanten Zeugnisse und Referenzen. Es ist immer anzugeben, in welchem Zeitraum das Projekt beginnen und wie lange es dauern soll.

Bewerbungen werden gerne per E-Mail angenommen und können an unsere allgemeine E-Mailadresse geschickt werden. Postalische Bewerbungen werden nur zurückgesandt, sofern ein vorfrankierter Briefumschlag beiliegt. 

Nach Eingang der Bewerbung finden Bewerbungsgespräche im Droste-Haus statt.

Beteiligte Partner

Der Europäische Freiwilligendienst ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Entsendeorganisation, der Aufnahmeorganisation und der/m Freiwilligen. Um jeder/m Freiwilligen einen Einsatzplatz in Projekten und Ländern nach eigenem Interesse zu ermöglichen, bewerben sich Kandidaten nach einer Zusage durch das Droste-Haus als Entsendeorganisation selbstständig bei möglichen Aufnahmeprojekten. Zur Unterstützung im Bewerbungsprozess stehen wir gern zur Verfügung.

Weiterführende Informationen

Ansprechpartnerin

Europäischer Freiwilligendienst

Miriam  Kettelhoit

Internationale Begegnungen

Schillingsweg 11
33415 Verl
05246 2973
E-Mail senden

EFD Nationalagentur
Erasmus+
 

Freiwillige 2019/2020

Manuela

Manuela Gutiérrez Puerta ist 23 Jahre alt und kommt gebürtig aus Kolumbien, lebt aber schon länger in Spanien und absolviert ihren Freiwilligendienst bei uns im Droste-Haus und an der OGS in Sürenheide. Sie wird hier regelmäßig über ihren Dienst schreiben. Wir begrüßen Manuela herzlich im Team und wünschen ihr eine interessante Zeit in Deutschland.

 

Manuelas Tagebuch

Meine erste Zeit
Oktober
November
Dezember
Januar
Februar
März
April

In meinem Leben bin ich immer viel unterwegs gewesen. Glücklicherweise habe ich die Gelegenheit gehabt viele Kulturen kennen zu lernen und mit vielen verschiedenen Leuten mitzuteilen. Dadurch ist mein Interesse an interkulturelle Arbeit geboren und kein Ort ist besser als das Droste-Haus dafür. 

Wahrscheinlich fragt ihr euch aber, wie ein Mädchen aus Spanien in Verl gelandet ist. Seit Jahren wollte ich Deutsch lernen und in Deutschland wohnen. Deswegen hatte ich mich schon entschieden nach meinem Bachelorabschluss in Deutschland umzuziehen, aber die Pläne waren anders. Ich sollte in Berlin mit meiner Familie wohnen und eine ganze normale Arbeit haben. Durch Bekannte habe ich die European Solidarity Corps und die Mundus Organisation in Spanien kennengelernt, und in dieser Organisation habe ich das Angebot für einen Freiwilligendienst im Droste-Haus gefunden. Zögerlich und neugierig habe ich mich entschieden ein neues Abenteuer im Droste-Haus zu erleben, obwohl ich nicht genau wusste, was das Droste-Haus war.

Als ich angekommen bin, habe ich verstanden, warum es schwierig ist, das Droste-Haus zu erklären. Das Droste-Haus kann man nicht erklären, sondern muss man es erleben. Am ersten Tag hat mir meine Tutorin Miriam alles über das Droste-Haus erklärt und eine schöne Geschichte über den Ursprung und die Entwicklung des Projekts erzählt. Und so hat mein Abenteuer begonnen.

Bei mir sieht eine normale Woche sehr bunt aus. Montags und mittwochs bin ich vormittags und nachmittags in der OGS Sürenheide, dienstags und freitags unterstütze ich die Betreuerinnen bei der Waldwichtelgruppe vormittags und nachmittags bin ich in der OGS, und donnerstags bin ich vormittags im Büro und nachmittags in der OGS. Jede Aufgabe ist verschiedene: die Waldwichteln sind Achtzehn Monate Kinder, manche von ihnen trennen sie sich fürs erste Mal von der Mutter. Deshalb brauchen sie von uns viele Aufmerksamkeit und Sicherheit. Andererseits sind die Kinder von der OGS zwischen Sechs und Elf Jahre alt. Mit denen muss ich spielen und Hausaufgaben machen, und darauf achten, dass sie sich an die Regeln halten. In beide Umgebungen habe ich bisher viel sowohl von den Kindern als auch über mich selbst gelernt. Ich fühle mich hier wohl und freue mich sehr über meine Entscheidung. 

10.10.2019

Der zweite Monat meines Freiwilligendienstes war eine ganz bunte Mischung von Emotionen und Erfahrungen. Ich habe weiter mit der Kinderbetreuung in der OGS St. Georg und im Droste-Haus weitergemacht und habe bemerkt, dass sie sehr schnell ein großer Teil meiner Routine geworden ist. Mittlerweile fühle ich mich sicherer, wenn ich Verantwortung tragen muss. Im letzten Monat habe ich auch an unterschiedlichen Veranstaltungen teilgenommen: dem Weltkindertag in der Marienschule, den Herbstferienspielen und Betreuung im Droste-Haus und einem Seminar in Hannover für europäische Freiwillige. 
Im Weltkindertag hatte ich die Gelegenheit, kreativ zu werden, als ich ein Plakat gemacht habe und wir für die Kinder Glitzertattoos angeboten haben. Es hat sowohl für die Kinder, als auch für mich sehr Spaß gemacht, Glizertattoos zu basteln.

In den Herbstferienspielen habe ich auch mit drei anderen Freiwilligen als Leiterin teilgenommen. Wir haben verschiedene Spiele und Aktionen für circa 30 Kinder organisiert. Ich habe es besonders schwierig gefunden, meine Meinungen und Ideen während der Organisation auf Deutsch auszudrücken, aber ich weiß, dass es Teil des Prozess ist und ich freue mich schon, dass ich es schaffe, nur auf Deutsch zu sprechen. Mein Lieblingsmoment des Ferienspiels war das Theaterstück, das die teilnehmenden Kinder im Workshop „Die Grille und die Ameise“ vorbereitet haben. 

Schließlich habe ich an einem Seminar in Hannover für europäische Freiwillige teilgenommen. Ich muss sagen, dass es meine Erwartungen übertroffen hat. Mit den anderen Freiwilligen habe ich viel unternommen. In nur einer Woche gab es genug Zeit sowohl zum lachen, als auch zum weinen. Wir haben unsere ganz unterschiedlichen Erfahrungen geteilt und haben voneinander gelernt. Die Leiter haben uns nützliche Tipps gegeben, z.B. wie man Winter in Deutschland überlebt, wie man Probleme während des Freiwilligendienstes löst, wie man diese Erfahrung in Zukunft ausnutzen kann und wie der emotionale oder psychologische Prozess ist, den man erlebt, wenn man in einer fremden Umgebung weit weg von Zuhause. 

Wie am Anfang gesagt, es war ein Monat voller Emotionen und ich denke, es ist angebracht zu sagen, dass es schwierig war, mit meinen Gefühlen umzugehen. Heimweh hat eine große Rolle in meinen letzten Wochen gespielt. Aber ich finde es ganz natürlich, alles was vorher neu und spannend war, wird langsam Routine. Was nicht heißt, dass es nicht mehr interessant ist, sondern die Routine lässt mir mehr Platz nachzudenken und zu reflektieren. Außerdem bleibe ich positiv, weil ich weiß, dass ich an meinen Erfahrungen viel wachsen werde. 
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Der November war der Bastelmonat. Eines der Dinge, die ich sehr mag, mit Kindern zu arbeiten, ist die Gelegenheit, kreativ zu sein. Im Droste-Haus haben Niklas, Lisa (Bundesfreiwillige) und ich ein Bastelangebot für den Familienkulturtag organisiert. Der Zweck war, Sachen in Beziehung mit Musik und Büchern zu basteln. Dadurch sind wir auf die Idee gekommen, Lesezeichen und Regenmacher anzufertigen. Ich habe die Regenmacher so schön gefunden, dass ich sie sogar als Weihnachtsgeschenk für meine Brüder gebastelt habe. 

In der OGS war ich zuständig für die Weihnachtsdekorationen und zusammen mit den Kindern und anderen Mitarbeiterinnen haben wir die Winterstimmung zur OGS gebracht. Ich finde es vortrefflich, wie die Kinder diese Zeit genießen und wie sie sich von Weihnachten verzaubern lassen. Unter den deutschen Weihnachtstraditionen, die wir weder in Kolumbien noch in Spanien haben, finde ich die Adventskalender und die Weihnachtsmärkte besonders schön. Nicht nur ist die Winterstimmung zur OGS gekommen, sondern auch das Winterwetter, das ich zum zweiten Mal in Deutschland erlebe. Dazu muss ich sagen, dass auch wenn es mir manchmal zu kalt und dunkel ist, ich es eigentlich genieße, wenn morgens und abends der Himmel diese roten, orangen Töne hat und wenn die Sonne scheint und sich im Weiß des Raureifs widerspiegelt. Ich lerne auch daraus und denke daran, wenn eine Situation schwierig ist (so wie der Winter), dass ich versuchen muss, den roten Himmel und die Strahlen der Sonne zu sehen. Eine beruhigende Metapher.

Der Dezember war der Monat der Selbstfindung. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich für mehr als 4 Tage völlig allein in einem Haus. Meine Gastfamilie war einen Monat lang verreist, so dass ich das ganze Haus für mich allein hatte. Zuerst war ich sehr ängstlich, denn obwohl die Nachbarn sehr nett sind und mir ihre Hilfe angeboten haben, wenn ich etwas brauchte, hatte ich niemanden in meiner Wohngegend, der mich fragte, wie mein Tag war, als ich von der Arbeit zurückkam, und auch niemanden, mit dem ich eine Mahlzeit teilen konnte. Die ersten drei Tage hatte ich Angst, in dem leeren Haus zu sein, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt, allein zu sein, und begann, die Vorteile zu erkennen. Nachdem ich von der Arbeit nach Hause kam, gewöhnte ich mich daran, Musik zu hören und zu tanzen, anstatt über meinen Tag zu reden, und die Abendessen mit der Familie wurden zu einer langen Zeit, in der ich das Kochen konnte, was ich am liebsten mag. Um ehrlich zu sein (ich hoffe, meine Gastmutter wird nicht sauer), vermisse ich jetzt das Kochen und Essen meiner eigenen Speisen. 

Im Dezember kam ich auch zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt in Deutschland nach Spanien zurück. Es war sehr wichtig für mich, meine Mutter und meine Freunde nach der Heimweh-Zeit, die ich hier hatte, wiederzusehen. Die Rückkehr nach Madrid, zu dem Lärm, den Menschen, den Lichtern und der spanischen Sprache war wie eine Pause von all den Veränderungen und Emotionen der letzten Monate. Ich ging auch nach Berlin zurück, um meine Familie zu besuchen, dort kam ich an Heiligabend und Silvester vorbei. Mir wurde klar, dass ich mich in der Großstadt wohl fühle und dass ich zumindest in diesem Lebensabschnitt nicht in einer Kleinstadt leben würde. Offensichtlich ist ein Jahr in Verl eine großartige Erfahrung, denn es hat mir ermöglicht, zu entdecken, was ich mag und wie ich mein Leben gestalten möchte. Das sind Dinge, die schwierig sind, wenn man viele Möglichkeiten und eine breite Palette von Optionen zur Auswahl hat. Kurz gesagt, in diesem Monat habe ich mich selbst etwas besser kennen gelernt und gelernt, mit mir selbst zusammen zu sein und meine eigene Gesellschaft zu genießen.

Nach all den Ereignissen im Dezember bleibt der Januar ein wenig hinter den Geschehnissen zurück. Die Tage sind länger, und das macht mich glücklich; es ist immer noch hell, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme! Als ich aus dem Urlaub zurückkam, besuchte ich den Neujahrsempfang im Droste-Haus, wo ich einige Leute traf, mit denen ich noch nicht die Gelegenheit hatte, im Haus zu arbeiten. Ich war beeindruckt von der Zahl der Menschen, die zum Haus gehören und sich bemühen, dass alles reibungslos abläuft. Da ich im Dezember nicht die Gelegenheit hatte, Weihnachten mit meiner Gastfamilie zu feiern, beschloss ich, im Januar ein typischkolumbianisches Gericht "Arepas" für sie zu kochen. Es war ein großartiges Abendessen, bei dem ich die Gelegenheit hatte, ihnen dafür zu danken, wie nett sie zu mir gewesen sind und wie sehr sie mir geholfen haben. 

Mit den Waldwichteln hatte ich diesen Monat auch eine tolle Zeit, es hat nicht viel geregnet, es waren also trockene Spielstunden, und wir haben ein Spinnennetz aus Wolle gemacht. In der OGS bekam ich die gute Nachricht, dass ich eine AG leiten kann, so dass ich ab Februar den Kindern das Tanzen beibringen werde. In meiner Tanzen AG möchte ich eine Tournee durch verschiedene Tanzarten machen, die ich im Laufe meines Lebens gelernt habe: Afrikanischer Tanz, Bollywood, moderner Tanz usw. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig nervös bin und Zweifel habe, wie ich meine Leidenschaft für den Tanz an Kinder weitergeben kann, und gleichzeitig bin ich froh, dass ich die Gelegenheit dazu habe.

Waldwichtel

Der Februar brachte den Karneval, aber auch den Sturm "Sabine" der leider das Spinnennetz zerstörte das wir mit den Waldwichteln bauten. In der Spielgruppe haben wir ein neues Mitglied, das einzige Mädchen unter 7 Jungen, ich finde seinen Anpassungsprozess sehr interessant in einer Gruppe, in der sich alle schon kennen, und ich lerne, wie eine Erzieherin mit einer solchen Situation umgeht. Über  die Integration lerne ich auch in der OGS, wo es drei Kinder gibt, die kein Deutsch sprechen konnten, als ich im September anfing; es ist unglaublich zu sehen, wie sie sich entwickeln und wie sie in nur fünf Monaten gelernt haben, zu kommunizieren. Ich wünschte, ich hätte das Gehirn eines Kindes, um viele Sprachen zu lernen. Vor drei Wochen habe ich mit meiner Tanzen AG begonnen, ich muss sagen, dass ich sehr glücklich bin und dass sie meine Erwartungen übertroffen hat. Zuerst hatte ich Angst, dass die Kinder nicht aufnahmefähig sein würden und dass ihnen mein Tanzvorschlag nicht gefallen würde, aber bisher hat alles sehr gut geklappt. Mein Ziel ist es, ihnen verschiedene Arten von Tanz aus verschiedenen Ländern beizubringen, um an Koordination und Rhythmus zu arbeiten. In den ersten beiden Klassen arbeiteten wir an Modernem Tanz und in der dritten Klasse an Rock and Roll. In diesem Monat ging ich auch nach Düsseldorf, und obwohl der Grund dafür bürokratisch war und ich ein wenig krank war, konnte ich die Stadt kennenlernen und am Rhein spazieren gehen. Ich ging durch die Straßen, die ich vor 12 Jahren gegangen war, als ich das erste Mal in Düsseldorf und in Deutschland war. Damals wurde mein Interesse an der deutschen Kultur und Sprache geboren.

In Zeiten einer Pandemie ist das Schreiben eine der besten Therapien, deshalb bin ich froh, dass das Droste-Haus mir die Gelegenheit gibt, meine Erfahrungen mit euch zu teilen.

März und April waren für mich bisher die am meisten erwarteten Monate des Jahres 2020. Ich hatte mein zweites Seminar in Hannover und wollte nach Berlin und Kolumbien fahren, um meine Familie zu besuchen. Aber wie mein Vater sagt, das Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. Mit anderen Worten, das wirkliche Leben ist nicht alles, was wir planen und erwarten, sondern das, was passiert, ob die Pläne und Erwartungen erfüllt werden oder nicht. Diese Zeit der Turbulenzen ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht alles im Leben kontrollieren können und dass der große Unterschied darin besteht, wie wir mit Situationen umgehen.

Wie viele von denen, die mich lesen, bin ich eine privilegierte Person. Ich habe das Glück, dass es mir nicht an Nahrung mangelt, meiner Familie geht es gut, ich habe ein bequemes Bett und einen großen Raum, in dem leben kann. Mir ist derzeit wirklich klar, wie wenig wir brauchen, um gut zu leben. Auf der anderen Seite sehe ich die Situation in meinem Heimatland Kolumbien, und ich werde mir immer bewusster über all die verletzlichen Menschen in der Welt. Für uns in Deutschland ist es ganz klar: Bleiben Sie zu Hause! Aber wie sagt man das einem Menschen, der keine Wohnung hat? Es ist fast schon anstößig. Wir sind aufgefordert, an ein Kollektiv zu denken, ohne dass man uns sagt, dass ein großer Teil des Kollektivs nicht zu Hause bleiben kann, weil er einfach kein Zuhause hat. In Kolumbien kämpfen sie gerade jetzt dafür, die Menschen von der Straße zu holen, ich hoffe nur, dass sie es auf möglichst humane Weise tun. Und wenn das Coronavirus es mehr Menschen ermöglicht, trocken, warm und in Gesellschaft zu schlafen, dann ist das ein Grund mehr, sich weniger zu beklagen, weil ich heute meine Freunde nicht treffen oder in einem Restaurant essen gehen konnte.

Ich wollte über diese Situation so weit weg von der deutschen Realität sprechen, weil es eine Gelegenheit ist, zu reflektieren, zu danken und zu schätzen, wie wenig oder wie viel wir haben. Das Privileg ist nicht schlecht, solange wir uns dessen bewusst sind und es zugunsten derer nutzen, die nicht das Glück hatten, in einem Zustand des Wohlfahrtsstaat, in einer stabilen Familie und mit allen Annehmlichkeiten, die wir haben, geboren zu werden. 

Ich für meinen Teil genieße die Zeit „zu Hause“, ich hatte Angst, dass sie sich auf meine psychische Gesundheit auswirken könnte, aber bevor es geschah, habe ich Maßnahmen ergriffen. Ich spreche mehr mit meiner Familie und meinen Freunden, ich mache wieder Yoga, koche viel, lerne Deutsch, male und meditiere; ich versuche, nicht so viel mit meinem Handy zu sein und keine Bindge-Watching auf Netflix zu machen. Bisher hat es mir sehr viel Gutes gebracht. Ich hoffe, dass auch ihr diese Zeit für euch nutzt. Ich bin sicher, dass wir alle unser Bestes tun. 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Produktivität verherrlicht wird, in der das Tun vieler Dinge gleichbedeutend mit Status ist und in der es verpönt ist, sich Zeit zum Atmen zu nehmen. Während dieser Krise sind viele Dinge in der Welt zum Stillstand gekommen, und sowohl die Natur als auch einige Menschen hatten die Möglichkeit zu atmen. Wir haben gesehen, wie Tiere auf die Straße und in den blausten Himmel gingen, und natürlich hat die Natur diese Gelegenheit genutzt. Aber was ist mit den Menschen? Ich habe die Erfahrungen einiger Freunde und Verwandten gesammelt, die aufgrund von Restriktionen in Ländern wie Kolumbien, Spanien und Italien gezwungen waren, ihr tägliches Leben zu ändern, und ich habe analysiert, wie jeder von ihnen diese Gelegenheit genutzt hat. 

Zunächst einmal habe ich entdeckt, dass viele von uns vergessen haben, zu atmen, weil wir uns darauf konzentrieren, produktiv zu sein, mehr in weniger Zeit zu tun und dies in Instagram umzusetzen, damit andere sehen können, wie gut wir uns an die gesellschaftlichen Anforderungen anpassen. Zweitens habe ich entdeckt, dass wir nicht auf unseren Körper und seine Bedürfnisse hören und vergessen, dass dies das einzige Zuhause ist, in dem wir leben müssen, und dass unsere Lebensqualität von der Pflege abhängt, die wir diesem Heim zukommen lassen. Schließlich ist ein gemeinsamer Punkt in der Erfahrung der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, die Reflexion über unser Leben, unsere Zukunft, unser Wohlergehen und die Auswirkungen, die unsere Handlungen auf die Welt haben. Ich möchte mit euch die positiven Auswirkungen der Krise auf einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben teilen.

Meine Großmutter Blanca (Kolumbien): „Ich habe mich sehr glücklich gefühlt, weil ich mein Zuhause genießen konnte, ich bin zurückgekehrt, um Arbeiten wie Putzen zu erledigen, um mit neuen Rezepten zu experimentieren, ich habe verstanden, dass man nicht so viel erledigen muss, wenn man Dinge außerhalb des Hauses macht, dass ich dank der neuen Technologien alle Aktivitäten, die ich draußen gemacht habe, innerhalb des Hauses mache. Als Praktizierender einer Religion sind mir viele Dinge bewusst geworden, die ich aus Gewohnheit, aber ohne Grund getan habe. Ich betrachte es nicht als Enge, sondern als einen Moment, in dem wir bei uns selbst sein können“.

Meine Tante Gloria (Kolumbien): „Ich habe gelernt, meine Zeit einzuteilen, ich habe meine Angst vor dem Kochen verloren, und ich bin mir meiner Ernährung und der Wichtigkeit, auf meinen Körper zu achten, bewusster geworden“.
Meine Mutter Liliana (Spanien): „Ich lerne, mit meiner Zeit besser umzugehen und Tätigkeiten ausüben zu können, die ich vorher nicht ausüben konnte oder denen ich nicht so viel Zeit widmen konnte, wie zum Beispiel: Lesen, Meditieren, Backen üben“.
Tallulah (Spanien): „Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, anzuhalten, sich auszuruhen und sich nicht schuldig zu fühlen, weil man nicht immer produktiv ist“.
Cristina (Spanien): „Während dieser Zeit habe ich ein ökologisches Bewusstsein entwickelt und meine Gewohnheiten geändert, um meine Umweltbelastung und meine Gesundheit zu verbessern“.
Agda (Spanien): „Bei meiner Familie zu sein hat dazu beigetragen, Beziehungen zu versöhnen“.
Emanuele (Italien): „Ich habe erkannt, dass es nicht notwendig ist, den Anforderungen der Gesellschaft zu folgen, um sich im Leben wohl zu fühlen, manchmal ist alles, was wir brauchen, stehen zu bleiben und bei uns selbst zu sein“.
Amandine (Frankreich): „Es gab mir Zeit, meine Arbeit an der Universität zu beenden, die ich sonst mit viel Zeitdruck und Stress hätte erledigen müssen. Es war eine Zeit der Introspektion, in der ich viel nachdenken konnte, vor allem über philosophische und existentielle Fragen. Ich fühle mich klüger, ich fühle, dass ich mich weiterentwickelt und gelernt habe.
Eine weitere positive Sache war, dass ich viel Zeit mit meinen Eltern verbringen konnte und die Möglichkeit hatte, meiner Mutter persönliche Dinge mitzuteilen, ohne Streit über Feminismus zu sprechen, ihren Standpunkt zu verstehen und ihr einige Dinge beizubringen. Die Situation führte dazu, dass wir uns auf Fragen einigten, die zuvor zu Konflikten geführt hätten“.
Camilla (Italien): „Dank der Abriegelung fühle ich mich weniger ängstlich und mache mir mehr Sorgen um mich selbst. Ich konzentriere mich auf meine Gefühle und darauf, in der Gegenwart und nicht in der Zukunft zu leben. Mir wurde klar, dass ich ein Netzwerk von Freunden und Familie habe, auf das ich mich verlassen kann und in dem ich mich sicher fühle“.

Meine eigene Erfahrung: Für mich war es eine innere Reise der Selbstfindung. Ich lerne, mich selbst zu verstehen, zu lieben und mich gut zu behandeln. Ich habe entdeckt, dass die Hauptsache, mit der ich mich in der Welt wohl fühle, die Selbstliebe ist. Alles, was ich je draußen gesucht habe, war die ganze Zeit in mir. Zu erkennen, dass ich diese Liebe verdiene und dass niemand anders sie mir geben kann, war das Wunderbarste.

Es war für niemanden eine leichte Situation, für einige extrem schwierig, aber ich bin glücklich, diese Gelegenheit gehabt zu haben, und ich beabsichtige von nun an, diesen inneren Prozess nicht hinter mir zu lassen, wenn sich alles wieder normalisiert hat.

"Wenn du nicht raus kannst, geh rein".